Die Bühne ist seine Heimat - "Eine düregäh" sein Motto

Collie_herb_and_the vibe controllers
Collie Herb, aka Patrick Bütschi, 25 jähriger MC und Sänger aus Olten / Schweiz veröffentlichte am 21.10.2011 seine Debüt EP "Jede Tag". Die EP enthält sechs Tracks, welche in Zusammenarbeit mit diversen europäischen Produzenten entstanden sind. Die Bandbreite der Themen umfasst sowohl kritische Songs als auch Liebeslieder und die bei Collie Herb nie wegzudenkenden Party-Kracher.

Ich treffe einen kommunikativen und witzigen Collie Herb vor seiner Soundsystemshow in der BAR 59 in Luzern. Er verspätet sich ein wenig und entschuldigt sich mehrmals ...
Portrait
Collie Herb, du präsentierst eine EP mit sechs Tracks. Für alle die deine Aktivitäten schon länger verfolgen muss das wie ein Rückschritt erscheinen, hast du doch bereits zwei Mixtapes mit jeweils ungefähr 20 Tracks released?
Jein, natürlich, alle die meine Musik schon lange hören, kennen die Tracks auf dieser EP bereits. Der grosse Unterschied ist aber, dass diese EP kein Underground Release mehr ist sondern ein Offizielles, das heisst alle Rechte sind abgeklärt, anders als bei den zwei vorherigen Mixtapes in denen ich im Soundboy-Style einfach aktuelle und freshe Riddims gevoiced habe. Auch die Aufnahmen sind im Vergleich dazu professioneller und weniger kreative Momentaufnahmen. Jeder Track ist auf SUISA (Schweizer Pendant zur GEMA) angemeldet, so dass ich auch etwas Geld verdiene, wenn die Tunes im Radio oder TV gespielt werden und die CD offiziell in den Läden verkauft werden kann. Somit ist es auch ein Schritt aus dem "underground" in die "breite Masse". Für alle meine "alten" Fans habe ich natürlich noch viel in der Pipeline.
Jeder Riddim deiner EP ist von einem anderen europäischen Produzenten, wie war die Zusammenarbeit mit ihnen?
Meist waren es schon die fertigen Riddims, welche ich gebraucht habe. Einige wurden ein wenig angepasst, aber es war nicht so, dass ich mit diesen Produzenten im Studio gewesen wäre und mit ihnen an den Beats geschraubt hätte. Viele dieser Produzenten wie Dreadsquad oder Million Stylez sind uns während unseren Touren über den Weg gelaufen und so ergaben sich diverse Links. Die Aufnahmen fanden aber alle in der Schweiz im SoundMax Studio statt.
Wie sieht es aus mit dem internationalen, im speziellen dem Deutschen Markt, wie kannst du dich hier mit deinen Lyrics in Schweizer Mundart positionieren?
Ich habe schon einige Shows in Deutschland und Italien gespielt und kam dort nicht schlecht an, obwohl viele meine Texte nicht wirklich verstanden. Gerade in Deutschland sind die Leute aber sehr "open minded" so dass sie sich auch auf meine Songs einlassen. Der Track "Huere Fett" wurde auch über (das deutsch Label) African Beat vertrieben. Es ist aber weniger mein Ziel, den deutschen Markt zu erobern, möchte aber schon möglichst viele Shows zu spielen. Denn via Live-Show kann ich die Leute immer überzeugen.
Stellen wir uns die hypothetische Situation vor: Du spielst in einem Club und vor der Bühne sind nur 20 Personen, die deine Musik darüber hinaus nicht mal so mögen. Was tust du?
Rausgehen und "eine düregäh". Und spätestens wenn ich auf die Bühne trete und die ersten Lines droppe sind die Leute überzeugt. Ich fokussiere mich sehr. Das war auch ein Reifeprozess. Ich habe schon für Bonzen oder für Badmans gespielt. Ich lasse mir nie die Stimmung verderben, denn als Act, als Entertainer bin ich es ja, der eine Stimmung kreieren muss. So verstehe ich auch meinen "Beruf".
Egal ob man die Songs und Styles von Collie Herb mag oder nicht, jeder der schon einmal Zeuge einer Live-Show des energiegeladenen MCs wurde, kann bestätigen, dass er stets top motiviert ist und das Publikum mitreissen kann. Das Motto "eine döregäh", (Schweizer Mundart für: durchstarten, auch im positiven Sinn: durchdrehen) zieht sich durch das ganze Gespräch. Stets den nächsten Live-Auftritt im Hintergedanken lebt er nach diesem Motto.
Ein Motiv welches sich durch viele deiner Songs zieht ist "Was du gibst ist was du bekommst", welche Bedeutung hat diese Aussage für dich?
Das ist das universelle kosmische Gesetz der Resonanz. Gehst du auf die Strasse und lächelst - du wirst auch ein Lächeln ernten.
Es fällt auf, dass viele deiner Tracks von philosophischen Lebensweisheiten, teilweise auch utopischen geprägt sind. Lebst du das auch, oder ist es eine blosse Attitüde?
Da ich mich seit langem hauptsächlich in Schweizer Mundart ausdrücke werde ich auch genau verstanden. Ich mache mir deswegen viele Gedanken zu meinen Messages. Was ich performe, zu dem kann ich auch hundertprozentig stehen. Von mir wird es nie eine destruktive Musik geben.
Braucht Musik eine Message?
Einfach gesagt: Ein guter Song bewegt entweder dein Herz oder dein Arsch. Ich feiere auch Tracks nur wegen den Styles, was bei aktuellen Dancehall- Tracks meist der Fall ist. So finden die Hörer bei mir Songs mit Tiefgang aber auch Partytracks, die in erster Linie abgehen müssen und eben die Körper des Publikums bewegen sollten.
Du trägst Dreadlocks, bist du ein Rasta?
Wenn du Rasta mit Dreadlocks, Ganja rauchen und an Haile Selassie zu glauben definierst, dann nicht. Wenn du aber Rasta mit Rebellion und sich selber sein, bzw. sich selber zu finden dann schon eher. Auch mit dem I&I und Oneness-Prinzip kann ich mich sehr wohl identifizieren.
Du würdest dich also als Rasta bezeichnen, jedoch nach deinen eigenen "Regeln". Liest in dem Fall auch nicht im alten Testament und befolgst nicht gewisse Regeln?
Collie Herb und der Interviewer beginnen gleichzeitig die Hookline von Ranking Smo’s "Rot Gelb Grün" zu singen...
Dieser Tune wird in die Gesichtsbücher eingehen. Ranking Smo hat den Tune zu diesem Thema geschrieben, er trifft damit auch in etwa meine Ansicht.

Aber jedem das Seine, ich respektiere jeden für seine Ansichten. Gerade als Jugendlicher habe ich mich sehr für die Ursprünge der Rastabewegung interessiert. Ich habe mich für die äthiopische Geschichte interessiert, King David, Queen of Sheba, Salomon. Weil es halt ein Option zur gängigen christlichen Lehre darstellte. Mittlerweile bin ich aber an einem anderen Punkt in meinem Leben angelangt und empfinde heute Respekt für alle Religionen und denke, dass es für jeden einen richtigen Weg gibt. Trotzdem möchte ich meine "Weisheiten" in den Tracks nicht verstecken.
Collie Herb, ist dein Name Programm? Du hast einmal angedeutet, dass du keine Ganja Tunes mehr machst?
Hier muss ich voraus schicken, dass ich bis jetzt nur drei wirkliche Ganja Songs überhaupt gemacht habe. Und Tunes wie "Ganja we love" sind ja sehr unreflektiert und auch sehr pauschal und verherrlichend. An einem Jugendfestival beispielsweise spiele ich diesen dann eben nicht (mehr). Zudem denke ich nicht, dass ich meinen Zuhörern keine weiteren Ganja Songs bringen muss, dieses Thema ist in der Reggaemusik ja auch schon zu Genüge behandelt worden.
Wie beflügelt dich ein Spliff beim Musizieren und Songs schreiben und wo bremst oder begrenzt es dich?
(Lacht) Ja, Collie Herb kifft natürlich immer noch...

Hmm, eine sehr weise Frage. Genau diese Ambivalenz trifft zu. Kiffen kann dir neue Wege zeigen und es kann dich bremsen. Meine besten Songs habe ich aber mit klarem Kopf geschrieben. Auch vor einem Auftritt oder vor einer Studiosession kiffe ich quasi nicht, beziehungsweise nie soviel, dass ich nicht mehr meine Leistung abrufen könnte.
Ein professionelle Arbeitseinstellung also?
Könnte man so sagen...
Wie sieht deine aktuelle IPod-Playliste aus?
Von den aktuellen Jamaicanischen Acts am ehesten: Gappy Ranks, Cali P, Tarrus Riley, Khago, Beres Hammond, Cocoa Tea, ...

Am meisten feiere ich zur Zeit aber Kabaka Pyramid; ein ganz heisser Newcomer, von dem man noch viel hören wird. Und Raging Fyah ist auch so eine Neuentdeckung die mich sehr beeindruckt hat.
Collie gib uns doch noch einen Zukunftsausblick, was darf man nach dem 21. Oktober noch von dir erwarten?
Zuerst einmal wird diese EP zu Tode gefeiert, ich habe zusammen mit meiner neuen Band "The Vibe Controllers" eine kleine Tour geplant... Zeitgleich bin ich an einem weiteren Mixtape - sozusagen dem letzten Teil meiner Mixtape-Trilogie. Dies wird dann auch gleich der Startpunkt für mein erstes offizielles Album sein.

In dem Sinne, ein Collie muss tun was ein Collie tun muss...
Das Interview wurde von Fabrizio Misticoni - a.k.a Don Peppone G-RILLA Sound - geführt.

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